Aus der Praxis – Projekte unserer Mitglieder

Nachhaltige Baumwolle direkt vom Feld

Eine nachhaltige Textillieferkette beginnt mit einer ökologisch und sozial verantwortungsvollen Produktion der Rohstoffe. Doch für Unternehmen ist es oft nicht leicht, die Bedingungen im Ursprungsland der Rohstoffe zu kontrollieren – denn sie durchlaufen viele Verarbeitungsstufen, bevor ein fertiges Kleidungsstück im Laden liegt. Das Textilunternehmen Dibella hat sich deshalb 2015 mit anderen Marken des Textilsektors zur „Chetna Coalition“ zusammengeschlossen: Gemeinsam beziehen sie in Indien nachhaltig produzierte Baumwolle direkt bei den Mitgliedern der Erzeugerkooperative „Chetna Organic Farmers Association“ (COFA). COFA unterstützt die darin vereinigten Baumwollerzeuger*innen dabei, Baumwolle nachhaltig anzubauen und die Fairtrade- und GOTS-Anforderungen zu erfüllen. Dibella und die anderen Unternehmen der Chetna Coalition garantieren, ihre Baumwolle langfristig für einen Mindestpreis abzunehmen. So leisten sie einen Beitrag dazu, die Lebenssituation vor Ort zu verbessern. 

Je tiefer die Lieferkette, desto schwieriger die Überprüfung

Eine nachhaltige Textillieferkette erfüllt bereits bei der Erzeugung der Rohstoffe ökologische und soziale Anforderungen. Dazu gehört, dass die Produzent*innen einen angemessenen Preis für ihre Ware erhalten und von ihrer Arbeit leben können. Insbesondere bei Baumwolle ist das oft nicht der Fall: Aufgrund des schwankenden Marktpreises sind die Risiken im Baumwollanbau sehr hoch. Oftmals lassen sich keine Preise erzielen, die ein existenzsicherndes Einkommen ermöglichen. Für Marken- und Handelsunternehmen ist es eine besondere Herausforderung, Informationen darüber zu erhalten, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe erzeugt wurden – denn der Rohstoff durchläuft viele Verarbeitungsstufen, bevor das fertige Kleidungsstück im Laden liegt. Doch für Unternehmen, die Verantwortung für die gesamte textile Lieferkette übernehmen wollen, ist die Transparenz wichtig. Nur so können sie der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Textilien, zum Beispiel bei Geschäftskund*innen aus der Hotel- oder Gastronomiebranche, nachkommen.

Konkretes Engagement im Ursprung der Baumwolle

Das Textilunternehmen Dibella, das viele Geschäftskunden versorgt, hat sich 2015 mit anderen Marken des Textilsektors in der „Chetna Coalition“ zusammengeschlossen: Gemeinsam beziehen sie in Indien nachhaltig produzierte Baumwolle direkt von den Mitgliedern der Erzeugerkooperative „Chetna Organic Farmers Association“ (COFA) – und zwar langfristig und zu garantierten Mindestpreisen. Dies ermöglicht den Erzeuger*innen, ihren Lebensstandard zu verbessern. Die Chetna-Organic-Baumwolle erfüllt nachweislich die Fairtrade- und GOTS-Anforderungen. Die Textilunternehmen der Chetna Coalition engagieren sich außerdem für die nachhaltige Entwicklung des Baumwollanbaus und der Anbauregionen vor Ort. So finanzieren sie unter anderem Schulungen zu ökologischem Baumwollanbau, aber auch zu wirtschaftlichen Fragestellungen wie Management, Marktentwicklung und Businessplanung. Auf diese Weise werden die Erzeuger*innen dabei unterstützt, wirtschaftlich erfolgreichen Biobaumwollanbau zu betreiben und ihre Marktchancen zu verbessern. Darüber hinaus investieren die Mitglieder der Chetna Coalition in Infrastruktur und Bildung, vor allem für Mädchen.

Mitarbeiter von Chetna Organic und Dibella-Geschäftsführer Ralf Hellmann auf einem Bio-Baumwollfeld in Indien

Messbare Verbesserungen

Mehr als 9.000 in der COFA organisierte Erzeuger*innen bauen inzwischen auf einer Gesamtfläche von rund 13.000 Hektar Biobaumwolle an und sind Fairtrade-zertifiziert. Kinder- und Zwangsarbeit ist dabei verboten – die Einhaltung wird laufend kontrolliert. Weitere 6.000 Baumwollerzeuger*innen befinden sich in der Umstellung von konventionellem auf Biobaumwollanbau. Zudem setzen die
Teilnehmer*innen traditionelle Anbaupraktiken ein: Sie verwenden natürlichen Dünger und Biopestizide und nur gentechnikfreies Saatgut. Damit schützen sie die Biodiversität auf den Anbauflächen. In einem 2017 gebauten Trainingscenter, das Dibella zu 70 Prozent finanziert hat, werden pro Jahr rund 5.000 Erzeuger*innen zu nachhaltigem Baumwollanbau geschult. Dank all dieser Maßnahmen konnte der Ernteertrag gesteigert werden: Wurden im Jahr 2007 auf einer Anbaufläche von 4.000 Quadratmetern noch rund 170 bis 220 Kilogramm Baumwolle erwirtschaftet, sind es heute auf gleicher Fläche schon 270 bis 340 Kilogramm.

Ernteertrag pro 4.000 Quadratmeter Anbaufläche

Auch die sozialen Projekte können Erfolge verzeichnen. An einer Mädchenschule im Bundesstaat Telangana hatten viele Schülerinnen ihre Ausbildung abgebrochen, da sie weite Wege zur Schule zurücklegen mussten und Transportmittel fehlten. Um Abhilfe zu schaffen, spendete Dibella gemeinsam mit zwei seiner Kund*innen rund 70 Fahrräder: Allein aufgrund dieser einfachen Maßnahme konnte die Abbruchquote der Schule von etwa 50 Prozent auf unter 5 Prozent gesenkt werden.

„Die Partnerschaft mit Dibella hat Chetna Organic in vielerlei Hinsicht geholfen: von der Erhöhung des Ertrags von Bio- und Fairtrade-Baumwolle über den Verkauf mit einer höheren Prämie bis hin zu Fairtrade- und Sozialprämien von Dibella und seinen Partnerunternehmen. Diese Prämien werden dann in Schulausbildungsprogramme, Infrastrukturentwicklung und andere kommunale Entwicklungsprogramme investiert.“

Arun Ambatipudi, Geschäftsführender Direktor  Chetna Organic Farmers Association

Schülerinnen in einer von Dibella unterstützten Mädchenschule in Indien.
©Dibella GmbH.

Minimieren von Risiken, neue Chancen fürs Geschäft

Durch die direkte Abnahme von nachhaltig produzierter Baumwolle kann Dibella ökologische und menschenrechtliche Risiken in seiner Lieferkette minimieren. Darüber hinaus wirkt sich der Bezug von Chetna-Baumwolle auch positiv auf die Unternehmensreputation aus: Dank der direkten Zusammenarbeit mit den Erzeuger*innen vor Ort kann das Unternehmen aus erster Hand über die positiven Auswirkungen in den Anbaugebieten berichten. Dieses glaubwürdige Engagement überzeugt auch Kund*innen des Unternehmens, den Textil-Service und Hoteleigentümer*innen.

Dibella im Gespräch mit Bio-Baumwollerzeuger*innen der Chetna Organic Farmers Association
©Dibella GmbH.

Erfahrungen und Empfehlungen

  • Ein Projekt wie dieses eignet sich insbesondere für mittelständische Unternehmen: Zwar gibt es in der Chetna Coalition auch größere Abnehmer*innen. Es wird jedoch darauf geachtet, dass sie nicht den Großteil der Ernte abkaufen. Andernfalls könnten die Erzeuger*innen in eine Abhängigkeit geraten. 
  • Eine Herausforderung ist der Austausch zwischen den Mitgliedsunternehmen und dem Erzeugerverband, denn die Kooperative hat kein spezielles Personal für die Kommunikation ihrer Arbeit und der Fortschritte. Der Informationsfluss ist deshalb schleppend und ein Austausch meist nur vor Ort möglich.
  • So dauert es oft lange, bis die Textilunternehmen der Chetna Coalition Nachweise über die konkrete Verwendung ihrer finanziellen Mittel für Bildungs- und Infrastrukturmaßnahmen –wie Abschlussberichte oder Wirkungsmessungen – erhalten.
  • Aus diesem Grund ist zu empfehlen, vor Ort eine*n Koordinator*in einzusetzen. Diese*r sollte als Bindeglied zwischen der Erzeugerkooperative und den Unternehmen fungieren, über aktuelle Entwicklungen in der Kooperative berichten und die Dokumentation kontrollieren.

Überblick

HandlungsfeldSozialstandards und existenzsichernde Löhne
ProjektpartnerDibella

20 weitere Unternehmen aus den USA und Asien

Chetna Organic Farmers Association
RegionIndien
ProjektlaufzeitEnde 2016 bis Anfang 2020

Weitere Informationen

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